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concept#Modularität#Metriken#Softwarearchitektur#Architekturbewertung

Modular Maturity Index

Der Modular Maturity Index (MMI) ist ein Metriken-basiertes Bewertungsmodell, um die Modularität und Wartbarkeit einer Softwarearchitektur systematisch einzuschätzen und gezielt zu verbessern.

Der Modular Maturity Index (MMI) – geprägt durch Dr.
Etabliert
Mittel

Klassifikation

  • Mittel
  • Technisch
  • Architektur
  • Fortgeschritten

Technischer Kontext

CI/CD (automatisierte Trendmessung und Quality Gates)Architektur-Governance (Reviews, Standards, ADRs, Qualitätsziele)Engineering-Backlog/Portfolio (Einplanung von Verbesserungsmaßnahmen)

Prinzipien & Ziele

Metriken sind Feedback für Systemqualität – nicht ein Ranking für Menschen oder Teams.Bewerte Modularität entlang stabiler Domänengrenzen und klarer Verantwortlichkeiten.Nutze Trends und Deltas, nicht nur Momentaufnahmen, um Architekturerosion früh zu erkennen.
Iteration
Unternehmen, Domäne, Team

Use Cases & Szenarien

Kompromisse

  • Gaming-Risiko: Teams optimieren Kennzahlen statt echte Modularität (Goodhart’s Law).
  • Fehlinterpretation: Hohe Kopplung wird pauschal als „schlecht“ bewertet, obwohl Domänenkontext es rechtfertigen kann.
  • Tool-Fetisch: Automatisierte Messung ersetzt Architekturarbeit und Kommunikation über Schnittstellen nicht.
  • Mit wenigen, gut erklärbaren Metriken starten und die Interpretation gemeinsam im Team kalibrieren.
  • Fokus auf Trends und Deltas je Change (Regressionen früh erkennen).
  • Findings immer in konkrete Maßnahmen übersetzen (Owner, Scope, erwarteter Effekt, Messpunkt).

I/O & Ressourcen

  • Definierte Modulsicht (Mapping von Codeartefakten zu Modulen/Domänen)
  • Abhängigkeitsdaten (Build-Time und/oder Runtime)
  • Änderungsdaten (Commits, PRs, Tickets) zur Co-change-Analyse
  • MMI-Reifegradbild und Hotspot-Landkarte für Modularitätsrisiken
  • Priorisierter Maßnahmen-Backlog (Entkopplung, Boundary Refinement, Refactoring)
  • Trend-Reporting (Verbesserung/Regression) als Input für Architektur-Governance

Beschreibung

Der Modular Maturity Index (MMI) – geprägt durch Dr. Carola Lilienthal – beschreibt ein strukturiertes Vorgehen, um die „Modularität“ eines Systems nicht nur gefühlt, sondern anhand nachvollziehbarer Kriterien zu bewerten. Im Kern geht es darum, Architekturqualität über messbare Signale wie Kopplung, Kohäsion, Abhängigkeitsstrukturen und Änderungsdynamik sichtbar zu machen und daraus konkrete Verbesserungsprioritäten abzuleiten. MMI wird typischerweise eingesetzt, wenn Teams ein System über Zeit stabil betreiben und weiterentwickeln müssen: Modularität entscheidet dann direkt über Änderbarkeit, Testbarkeit, Liefergeschwindigkeit und Risiko. Ein praktisches MMI-Assessment kombiniert (a) eine konsistente Modul-/Domänensicht (z. B. Packages, Komponenten, Services oder „Module“ im DDD-Sinne) mit (b) einem Metriken-Set und (c) einem Reifegradmodell, das Ergebnisse in handlungsfähige Stufen übersetzt. Wichtig: MMI ist kein Tool und keine einzelne Kennzahl, sondern ein Konzept für Architekturdiagnose und -steuerung. Der Nutzen entsteht, wenn das Team die Messung als kontinuierliche Feedbackschleife betreibt: Metriken werden nicht als „Score zur Bewertung von Menschen“ verwendet, sondern als Frühindikatoren für technische Risiken und als Navigationshilfe für Refactorings, Domänenschnitt-Verbesserungen und Entkopplungsmaßnahmen.

  • Objektivere Diskussion über Architekturqualität durch nachvollziehbare Signale (z. B. Kopplung, Zyklen).
  • Bessere Priorisierung von Refactorings, weil Hotspots und Risiken sichtbar werden.
  • Kontinuierliche Qualitätssteuerung: Fortschritt und Regressionen werden messbar.

  • Ergebnisse hängen stark von einer sinnvollen Modulsicht ab; falsche Schnitte verfälschen die Diagnose.
  • Metriken erklären Symptome, nicht automatisch Ursachen; Interpretation und Kontext bleiben notwendig.
  • Ein Score kann überbewertet werden; ohne Maßnahmen-Backlog bleibt MMI ein Reporting-Artefakt.

  • Kopplungsdichte zwischen Modulen

    Misst, wie stark Module durch Abhängigkeiten miteinander verbunden sind; hohe Werte deuten auf schwer trennbare Verantwortlichkeiten hin.

  • Zyklische Abhängigkeiten (Cycle Count / Cycle Size)

    Erfasst Anzahl und Größe von Zyklen im Dependency-Graph; Zyklen erschweren unabhängige Änderungen und Releases.

  • Co-change Rate über Modulgrenzen

    Wie häufig Änderungen in einem Modul Änderungen in anderen Modulen nach sich ziehen; Indikator für instabile oder falsche Schnitte.

Hotspot-getriebene Modularisierung im Monolithen

MMI identifiziert wenige stark gekoppelte Kernbereiche als Haupttreiber für Change-Risiko. Das Team entkoppelt gezielt diese Bereiche (Zyklen auflösen, Schnittstellen stabilisieren) statt großflächig umzubauen.

Trend-Messung als Frühwarnsystem für Architekturerosion

Ein monatlicher MMI-Check zeigt, dass Kopplung und zyklische Abhängigkeiten langsam steigen. Das Team reagiert früh mit Architekturarbeit, bevor Delivery merklich langsamer wird.

Entscheidungshilfe für Microservices-Schnitt

Vor einer Service-Aufspaltung werden Co-change und Abhängigkeiten analysiert. MMI-Resultate zeigen, welche Schnitte stabil sind und welche einen verteilten Monolithen erzeugen würden.

1

Modulsicht und Scope definieren (Granularität, Mapping-Regeln, Namenskonventionen).

2

Baseline erheben: Dependency-Graph, Zyklen, Kopplungsindikatoren, Co-change-Daten zusammenführen.

3

Reifegrad ableiten, Hotspots priorisieren und Maßnahmen als Backlog mit klaren Zielmetriken formulieren.

4

Messung als Feedbackschleife etablieren (monatlich/je Release) und Trends in Architekturarbeit übersetzen.

⚠️ Technische Schulden & Engpässe

  • Lang gewachsene zyklische Abhängigkeiten, die unabhängige Releases verhindern.
  • Querschnittslogik (Shared Libraries/Utils) als versteckter Kopplungstreiber.
  • Unklare Domänengrenzen und fehlende Ownership führen zu dauerhaftem Co-change.
Zyklische Abhängigkeiten und stark gekoppelte HotspotsCross-Team Co-change (Features berühren viele Ownership-Bereiche)Architekturerosion durch inkrementelle Änderungen ohne Schnittstellenpflege
  • Ein Management-Ziel wird auf „Score erhöhen“ gesetzt, ohne Architekturmaßnahmen oder Kapazität bereitzustellen.
  • Teams reduzieren sichtbare Abhängigkeiten künstlich (z. B. Copy/Paste), wodurch echte Kopplung nur versteckt wird.
  • MMI wird genutzt, um eine vorab entschiedene Reorganisation zu rechtfertigen statt offene Optionen zu prüfen.
  • Zu frühe Detailtiefe: Ein überkomplexes Metrikenset erzeugt Analyseparalyse.
  • Falsche Granularität: Zu grobe Module verdecken Probleme, zu feine Module erzeugen Rauschen.
  • Tooling-Illusion: Gute Messwerte werden als Ersatz für klaren Schnitt und Ownership missverstanden.
Grundverständnis von Modularität (Kohäsion, Kopplung, Abhängigkeitsmanagement)Architektur- und Domänenanalyse (Schnittstellen, Verantwortungsgrenzen, DDD-Grundlagen)Interpretation von Metriken und Moderation von Improvement-Workshops
Erhöhte Änderbarkeit und geringeres Release-Risiko durch bessere Entkopplung.Schnellere Delivery durch weniger Abhängigkeiten und klarere Verantwortlichkeiten.Bessere Wartbarkeit und Testbarkeit als Voraussetzung für Skalierung und Modernisierung.
  • Eine konsistente Modulsicht muss definiert und gepflegt werden (sonst werden Messungen inkonsistent).
  • Zugriff auf Code-, Dependency- und Change-Daten ist erforderlich (Repos, Build, Tickets).
  • Die Organisation muss bereit sein, Befunde in konkrete Architekturarbeit zu übersetzen (Kapazität/Ownership).